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Von meiner ersten Liebe und wie ich sie verlor …

Hallo ihr Lieben!

Lange habe ich überlegt, was ich dieses Jahr am Valentinstag für ein Thema anbringe. Letztes Jahr gab es meine Top 5 Herzschmerz-Bücher für euch zu bestaunen, aber so sehr ich mir auch den Kopf zerbrochen und mich nach fluffigem rosa Flausch umgesehen habe – im Moment steht mir einfach nicht der Sinn nach Liebe. Versteht mich nicht falsch, ich lebe in einer happy Beziehung und freue mich schon darauf, meine Freundin Anfang März wiederzusehen. Fernbeziehungen können echt mies sein, aber dafür ist die Wiedersehensfreude umso größer.

Nein, so richtig ist mir nichts eingefallen, was sich an diesem Tag unbedingt teilen möchte. Klar könnte ich hier Bookboyfriends und -girlfriends aufzählen. Eine Weile habe ich überlegt, etwas über LGBTQ+ Themen in meinem Leben zu schreiben. Werde ich vielleicht tatsächlich mal machen – aber nicht heute. Denn mir brennt eine andere Sache auf dem Herzen, die etwas ernster ist als Kuschelherzchen und Schokolade. Deshalb möchte ich heute über etwas sehr Persönliches sprechen: Meine erste große Liebe und wie ich dabei bin, sie zu verlieren. Die Rede ist vom Schreiben.

Vom Leben eines Bücherwurms

Als ich mit fünf Jahren nach Deutschland kam, konnte ich hier nicht viel. Vor allem nicht diese seltsame Sprache, die mir als gebürtige Ungarin sehr fremd vorkam. Ich erinnere mich nicht mehr an viel aus der Zeit. Aber ich erinnere mich daran, dass mir Bücher geholfen haben, zu fliehen. Ich habe die Bilder geliebt, ich erinnere mich ganz genau, dass ich an einem Geburtstag auch ein Buch von Pippi Langstrumpf bekommen habe. Ich habe Kassetten mit Geschichten verschlungen, ich habe mich in Welten geträumt. Meine Mama erzählt mir heute noch gern, wie sie mich als Kind jede Woche mit einem prallgefüllten Rucksack in die Bibliothek begleiten musste, weil ich die 10 Bücher aus der vorherigen Woche schon ausgelesen hatte.

Ich habe in Buchstaben gelebt und mir meine Welten erträumt. Mal war ich Prinzessin, mal habe ich Harry in Hogwarts begleitet. Ich habe mit Pippi das Taka-Tuka-Land erkundet, mich mit dem Sams angefreundet, mit dem doppelten Lottchen Eltern getäuscht und viele Abenteuer erlebt.

Und dann kam das leere Blatt Papier

Eine der häufigsten Fragen, die man Autoren in Interviews stellt, ist wohl die, wie sie zum Schreiben gekommen sind. Ich weiß es nicht mehr. Plötzlich waren es einfach da – die Ideen. Sie kommen dir zugeflogen, erwachen aus Liedern, Bildern oder anderen Inspirationsquellen. Ich habe sie aufgefangen und in Geschichten gewebt, habe in Role Playing Foren mitgespielt (kleiner Gruß an meine geliebte Forks‘ Bloodbank, das waren noch Zeiten!) und irgendwann habe ich nicht mehr die Geschichten fremder Charaktere weitergesponnen, sondern eigene entwickelt.

Für mich wurde klar – ich will Autorin werden. Ich will mit Büchern arbeiten, ich will so werden wie meine Heldinnen Cornelia Funke und Astrid Lindgren. Ich habe mir vorgestellt, wie ich in einem schmucken Häuschen am Meer sitze und dort mit meiner Schreibfeder Geschichten spinne und neue Träume erwecke.

Aber jedes Kind wird mal erwachsen. Und dann kommen die Zweifler: „Davon kann man doch nicht leben. Lern etwas Anständiges!“ Nach einigen Irrwegen bin ich in meinem derzeitigen Studium gelandet. Ich liebe Bücher immer noch. Ich liebe es zu lesen.

Aber meine erste große Liebe, die ich ganz für mich hatte, verliere ich so langsam. Wann ist das Schreiben zu etwas geworden, das mich mehr frustriert als beglückt?

Wenn Zahlen plötzlich alles sind, was dich ausmacht

Nach meinem Abitur hatte ich plötzlich Zeit. Zeit, in der ich gar nicht so richtig wusste, was ich machen sollte. In der Zeit habe ich auch angefangen zu bloggen, weil ich nicht mehr für unsere Lokalzeitung geschrieben habe. Und eines Tages war da ein Mädchen in meinem Kopf, das mir zugeflüstert hat: „Jetzt bin ich an der Reihe. Erzähl meine Geschichte.“

Das habe ich getan. Liljas Geschichte war das erste Skript, das tatsächlich beendet wurde. Ich liebe diese Geschichte bis heute, beide Teile, die fertig geschrieben sind. Und während ich sie gerade für einen Schreibwettbewerb auf Sweek überarbeite, merke ich, wie viel eigentlich gerade in meinem Inneren falsch läuft.

In der Präsenz von Bücherwürmern fühle ich mich am Wohlsten. Man hat viel zu besprechen, viele sind auch Blogger. Die Leidenschaft zu Geschichten verbindet uns. Ich liebe Autorenkontakte, ich liebe es, mehr über die Welt der Verlage zu erfahren, und auch wenn ich oft darüber stöhne, liebe ich auch mein Studium, in dem ich so viel über unsere Branche und ihre Richtlinien gelernt habe. Ich habe inzwischen eine Ahnung, wie  Verlage arbeiten, ich kenne mich aus, wie man Marketingkonzepte ausarbeitet.

Und ich habe seit einem Jahr kein Wort mehr geschrieben, mit dem ich wirklich richtig glücklich bin.

Klingt krass? Ist es auch. Seit Liljas Geschichte habe ich ein Buch veröffentlicht, zwei weitere fertig geschrieben, und bin inzwischen ausgelaugt und frustriert. Eine leere Seite ist keine Einladung mehr, eher ein Trauerspiel. Meine große Liebe, das Schreiben, hat sich zu etwas entwickelt, vor dem ich Angst habe, das mich verzweifeln und manchmal auch weinen lässt.

Nicht das Schreiben an sich. Das liebe ich immer noch. Aber um einen meiner Professoren zu zitieren: „Sie sind alle nur Zahlen im System.“

Wenn Autoren ihre Ränge vergleichen, ihre Bestseller-Fähnchen posten, ihren 10. Vertrag ankündigen, bricht mir irgendwie das Herz. Ich freue mich für sie, natürlich, erst recht, wenn sie aus meinem Freundeskreis kommen. Aber es zieht mich auch runter. Denn dann schaue ich meine Geschichten an, meine Babys, die Charaktere, die ich so liebe, und frage mich: Wieso könnt ihr nicht so sein?

Ich wäre so gern wieder ohne diesen Druck, den ich mir gewissermaßen auch selbst mache. Früher habe ich einfach geschrieben und es hat mir gefallen. Heute sitze ich Ewigkeiten vor einem Satz und lösche dann wieder das ganze Kapitel. Weil ich weiß, dass meine Sachen nicht massentauglich sind, dass meinen Humor nicht alle verstehen, dass meine Charaktere schräg und unkonventionell sind und sich auch gar nicht anpassen wollen. Und dann geht dieses Warnlicht an: Das wird keiner lesen wollen. Damit kommst du nie weiter. Welcher Verlag wird das schon nehmen? Du hast nicht das Zeug dazu. Schau dir die ganzen tollen Schriftsteller an, schau, was sie für Verkaufszahlen und Ränge und Aktionen und Verträge haben. Schau, wie viel mehr sie können.

Die Angst vor dem Teilen

Ich weiß, dass das unheimlich verbittert klingt. Und das ist es auch. Ihr kennt sicher den Ausdruck Buchbaby – unsere Geschichten hegen und pflegen wir, wir wollen nur das Beste für sie. Das Schreiben ist etwas unheimlich Persönliches, vor allem für Menschen wie mich. Ich habe darin einen Weg gefunden, mich auszudrücken, zu zeigen, wer ich in meiner Vorstellung sein kann. Ich wäre gern so selbstbewusst wie Lilja, cool wie Diamond oder rotzfrech wie Nyssa. Durch meine Charaktere kann ich mich selbst offenbaren. Aber damit gebe ich auch einen Schutz ab, denn wenn ich sie in die Welt hinausschubse, erreichen sie Menschen – oder eben auch nicht. Schlechtes Feedback, sinkende Ränge, niedrige Verkaufzahlen lassen mich zweifeln. Bin ich einfach nicht gut genug?

Ist meine erste große Liebe einfach verblasst? Erstickt unter dem Druck von außen und von innen?

In meinem aktuellen Projekt, „Herzklopfen auf Spitzenschuhen“, verarbeite ich diese Empfindungen und mache mich damit selbst unheimlich verletzlich. Cassie ist wahrscheinlich meine persönlichste Figur überhaupt. Ich habe Angst davor, wie das Buch ankommen wird, so große Angst, dass ich es jetzt noch mal überarbeite und das Lektorat dank meiner Verlegerin schieben durfte, um wirklich zufrieden zu sein. Damit kommt das Buch zwar später raus, aber das ist es mir wert. Ich will keine halben Sachen machen. Ich will Schreiben und ich will es lieben. Nicht mehr und nicht weniger. Ich will mich nicht mehr mit anderen Vergleichen und ständig überlegen, wie ich Marketing machen soll, wie ich auf mich aufmerksam machen soll, denn dann kommen wieder die bösen Gedanken, dass ich es gleich lassen sollte. Schließlich wird keiner mögen, was ich da fabriziere. Ich bin kein Mensch, der gern anderen seine Sachen unter die Nase hält. Lieber teile ich, was mich an anderen begeistert hat. Ich weiß, damit gehe ich unter, aber so ist nun mal. Ich kann mich nicht selbst vermarkten, das liegt mir nicht.

Herzschmerz und Schreibqual

Schreiben tut manchmal weh, wie die erste große Liebe eben auch. Und am meisten tut diese Liebe weh, wenn sie verblasst. Aber ich will nicht aufgeben. Denn da sind immer noch die Stimmen in mir, die gehört werden wollen. Ich bin es ihnen schuldig, meinen Freunden, die mich träumen lassen und wegbringen, wenn es mir gerade einfach scheiße geht.

Deshalb höre ich nicht auf. Deshalb will ich weitermachen und es probieren, auch wenn es wehtut, auch wenn ich damit meine Seele offenlege und jeden hineinschauen lasse. In jedem meiner Bücher steckt sehr viel von mir drin. In jeder meiner Geschichten verarbeite ich etwas. Es ist persönlich und ich weiß, es wird nicht jedem gefallen. Das ist okay. Damit muss ich zurechtkommen. Ich muss nur wieder einen Weg finden, wie ich mit mir selbst zurechtkomme, ohne ständig nach links und rechts zu schauen und mich mit allen zu vergleichen.

Denn das bin ich mir selbst und meiner ersten großen Liebe schuldig.

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4 Kommentare zu „Von meiner ersten Liebe und wie ich sie verlor …

  1. Aw, Maus, das ist ein wahnsinnig schöner Artikel, obwohl er so ernst ist. Ich kann dir in vielen Punkten nur zustimmen, wir haben ja auch neulich erst davon gesprochen. Die Angst vor der Veröffentlichung kann ich dir zwar nicht nehmen, aber lass dir gesagt sein, ich liebe jede einzelne deiner Geschichten ❤

    Küsschen
    Raven 😘

    PS: Ich freu mich zu hören, dass du in einer glücklichen Beziehung bist 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Was für ein toller Beitrag liebe Klaudia 😍
    Ich kann dich durchaus verstehen. Letztendlich war es bei mit dem Bloggen ja nicht anders. Und ich denke, dass es sehr vielen Leuten so geht. Ob Autoren, Blogger, Künstler, Musiker und so weiter – ich denke, das „sich unter Druck setzten/gesetzt fühlen“ kennen viele. Ganz interessant fand ich, was einer meiner Lieblingssänger (Mark Feehily) mal gesagt hat: „Selling a million records doesn’t always fulfil you. I want artistic fulfilment and personal fulfillment.“ Klar, diese Einstellung beizubehalten ist wahnsinnig schwer. Aber

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    1. …jetzt hab ich zu früh auf senden gedrückt. Naja, who cares 😂
      Auf jeden Fall hoffe ich, dass du die Lust und Leidenschaft fürs Schreiben wieder voll für dich entdeckst. Setz dich nicht so unter Druck 💗
      Liebe Grüße,
      Emily xx

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