Allgemein · Bücher · Literatur · Quatschstunde · Tag

LGBTQA+ – der neue Hype der Bücherwelt?

Quatschstunde Banner

Herzlich Willkommen zu einer neuen Quatschstunde!
Heute beschäftige ich mich ein wenig mit einem Trend, der durch die Buchwelt geistert und bei mir manches Mal für Aufstoßen sorgt. Obwohl ich mich in den vergangenen Jahren ausführlich mit den verschiedenen Spektren im Bereich des LGBTQA+ beschäftigt habe und auch gern Lektüre dazu lese, stelle ich einige Tendenzen fest, die mir so gar nicht behagen. Um ehrlich zu sein, bringen sie mich eher dazu, diese Bücher inzwischen zu meiden, aus Angst, schon wieder enttäuscht zu werden.

abstract-1300237_1280

Wie bereits erwähnt lese ich gern Bücher in dem Genre, wobei ich vor allem lesbische und bi- bzw. pansexuelle Charaktere bevorzuge. Die typische Gay Romance ist nichts für mich, das habe ich schon einige Male festgestellt, weshalb ich die auch meist umgehe. Auch transsexuelle Charaktere finde ich unheimlich spannend und würde sie gern öfter in einer sensiblen Aufmachung in Büchern wiederfinden. Und das ist auch schon das erste, was mich an den Charakteren meist stört.

fullsizeoutput_16fb
Ein Roman mit vielschichtigen Charakteren: „Über ein Mädchen“ von Joanna Horniman mit zwei Mädchen, die nicht auf ihre Sexualität begrenzt werden!

1. Ich bin ein Mensch, nicht meine Sexualität

Charaktere haben bestimmte Züge. Wir kennen wohl alle das Klischee des schwulen besten Freundes oder der knallharten Lesbe, die Männer hasst. Aber wieso muss das in Büchern immer wieder eingesetzt werden? Charaktere, die nicht heterosexuell sind, werden so oft als Stereotypen gezeichnet und dienen manchmal nur dazu, ihre Sexualität zu verkörpern. Ich höre schon den entsetzten Aufschrei: „Wie jetzt, reicht es nicht, dass ich diverse Charaktere habe, müssen sie jetzt etwa auch noch Facetten haben? Aber wer soll denn das Gucci-Täschchen meiner Prota halten und ihr beim Umstyling helfen, wenn nicht der schwule beste Freund?!

Dabei sollten sie dreidimensional sein wie jeder andere auch. In einigen meiner Lieblingsbücher werden Charaktere auf dem Spektrum einfach auf diesen kleinen Aspekt ihrer selbst begrenzt – aber ganz ehrlich, habt ihr in der Realität schon Menschen getroffen, die nur ihre Sexualität verkörpern und sonst nichts anderes?

fullsizeoutput_1702
Cornelia Funke hat es vorgemacht: In den „Wilden Hühnern“ entdeckt Wilma ihre Liebe zu Mädchen auf sensible Weise.

2. Mein Leben dreht sich nicht um mein Coming Out

Ja, sich in der Öffentlichkeit hinzustellen und zu sagen, dass man jemanden abseits der gesellschaftlichen Norm liebt, ist ein Kraftakt. Natürlich schwingen da tausend Gefühle mit. Angst, Verzweiflung, Vorurteile, Hilflosigkeit sind an der Tagesordnung. Aber ich bin es allmählich leid, das tausendste Coming Out zu lesen.

Gebt mir was Neues, gebt mir Charaktere, die mit sich selbst im Reinen sind, deren größte Sorge sich nicht darum dreht, was Eltern und Freunde von ihrer Liebe halten! Gebt mir Charaktere, die die Welt retten müssen und gleichzeitig lesbisch sein können. Gebt mir asexuelle Charaktere, die keinen Frosch küssen wollen und ihren Märchenprinz in ihrem besten Freund auf platonische Weise finden. Gebt mir transsexuelle Charaktere, die so viel mehr sind als ihr Geschlecht.

Kurz: Gebt mir Menschen, deren Geschichte nicht auf ihrer Sexualität fußt, und sei sie noch so außergewöhnlich.

fullsizeoutput_1701
Weiter so, Lillith! In Lillith Korns „Finely Freytag“-Reihe werden schwule Charaktere nicht bloß als Aushängeschild benutzt. 

3. Bin ich ein Trend oder Aushängeschild?

Mir scheint es im Moment so, dass es bei Autoren im Kommen ist, ihre Charaktere so divers wie möglich zu gestalten – von Recherche ist dabei aber meistens Fehlanzeige. Sich tatsächlich mit diesen Menschen zu beschäftigen, ist ja nicht möglich, und daher begegnen uns so viele Klischees. Aber das scheint zu reichen. „Ich habe einen Schwulen eingebaut. Machen das heute nicht alle so?

Eigentlich finde ich es ja positiv, wenn die Charaktere diverser werden und auch große Verlage diesem Trend folgen, der mit der Ehe für Alle seit neuestem gesellschaftlich noch angesehener ist. Aber in vielen Fällen kommt es mir vor, als ob die Autoren sich nicht mit diesen Charakteren beschäftigen wollen, sondern sie nur als Aushängeschild für ihre eigene Toleranz nutzen. Wie ein Werbeplakat für sich: „Schaut mich an – ich habe es gewagt und über zwei Mädchen geschrieben, die sich küssen! Seht ihr, wie tolerant ich bin? Los, bewundert mich, ich tue ja so viel für die armen, unterdrückten Menschen!

Und das finde ich unheimlich schade, denn kommt schon, liebe Autoren: Es sind immer noch reale Gefühle, über die ihr schreibt. Versucht euch doch mal reinzufühlen, als sie nur für euch nutzen zu wollen – dann gelingen euch sicher auch Charaktere, die nicht dem Mainstream folgen, und Storylines, die interessante Helden mit anderen Zielen als der bloßen Akzeptanz ihrer Liebe zeigen.

abstract-1300237_1280

Nehmt euch ein Beispiel an Autoren wie Elizabeth E. Wein mit ihrem „Codename Verity“, Joanne Horniman mit „Über ein Mädchen“ oder Meg Haston mit „Alles so leicht“. So unterschiedliche Charaktere mit verschiedenen Zielen und Plots: Das wünsche ich mir in Zukunft für den Buchmarkt. Den Trend ins Positive kehren, denn an sich ist er nicht schlecht. Aber wer Charaktere abseits der gesellschaftlichen Norm schreiben will, sollte sich auch ordentlich damit beschäftigen und sich mehr trauen.

Wie steht ihr dazu? Seid ihr gerade zufrieden, oder könnt ihr meinen Punkten zustimmen? Was haltet ihr von dem aktuellen Trend, habt ihr ihn überhaupt schon bemerkt? Ich weiß, dass ich einigen Autoren hier auf den Schlips trete, aber das Thema liegt mir sehr am Herzen – ebenso wie eure Meinung dazu. Lasst mir doch gern einen Kommentar dazu da und diskutiert mit mir darüber!

Advertisements

13 Kommentare zu „LGBTQA+ – der neue Hype der Bücherwelt?

  1. Hey Klaudi 🙂

    Auf den Beitrag habe ich gewartet. 😉 Auch wenn ich mich in einem Punkt dezent angesprochen fühle – Ich finde mein Manuskript trotzdem gut. 😛 -, kann ich dir nur zustimmen. Vor allem bei dem Klischee mit dem schwulen, besten Freund, den mittlerweile gefühlt jedes 3. Jugendbuch besitzt.

    Erinnere mich mal daran, dass ich, sobald ich wieder etwas Luft habe, endlich „Über ein Mädchen“ und „Alles so leicht“ lese. Die stehen ja schon ewig auf meiner Wuli.

    Liebe Grüße
    Anni

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Anni 🙂

      Wie gesagt, ich weiß, dass ich damit ziemlich vielen auf die Füße trete. Ist aber alles gar nicht böse gemeint, nur sind das eben Trends, dir mir in letzter Zeit extrem gehäuft auffallen, also alles keine Einzelfälle 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Weiß ich doch. 😉 Und ich fühle mich auch nicht auf die Füße getreten, denn natürlich hast du ja recht und ich stimme dir zu. Trotzdem werde ich mich vermutlich auch weiterhin auf die typischen Klischee-LGBTQA+ Bücher stürzen. 🙂

        LG
        Anni

        Gefällt 1 Person

      2. Dann ist ja gut 😀 Ich denke auch, dass es gerade heutzutage unheimlich schwer ist, nicht in diese Klischees abzustürzen. Alle sind so darauf bedacht, politisch korrekt zu sein, bloß nichts Falsches zu sagen und zu tun, dass man lieber auf das Bekannte zurückgreift. Und das stärkt ja dann wiederum die Klischees. Alles nicht so ganz einfach …

        Liebe Grüße,
        Klaudi

        Gefällt 1 Person

  2. Hey ein wirklich interessanter und wie ich auch denke wichtiger Beitrag 😉 ich habe Beispielsweise auch schon früh „Die wilden Hühner“ gelesen und geliebt, trotzdem ist man früher eher selten über Charaktere mit LGBTQA+ Hintergrund gestoßen. Mir ist der Trend in letzter Zeit auch aufgefallen, was ich auch gut finde, dass Leser allgemein damit konfrontiert werden. Je mehr man davon hört oder liest desto toleranter wird unsere Welt, jedenfalls hoffe ich das 🙂
    Ich denke aber auch, dass viele diese Möglichkeit ausnutzten, wie du schon gesagt hast. Allerdings habe ich bei dem Büchern, die ich gelesen habe noch keine negativen Erfahrungen gemacht.

    Alles Liebe
    Sara

    Gefällt 1 Person

    1. Huhu Sara! 🙂
      Schön, dass dir der Artikel gefallen hat, mir lag das Thema jetzt schon so lang auf der Zunge, ich musste endlich was dazu schreiben 🙂 Das Umdenken in der Gesellschaft finde ich auch richtig und wichtig, die Präsenz solcher Charaktere auch, aber an der Umsetzung mancher Geschichten hapert es meiner Meinung nach einfach noch. Ich freue mich, dass du bisher so glimpflich davongekommen bist 🙂 Ich denke auch, in Zukunft wird sich das sicherlich noch relativieren – auch in dem Bereich ist es wohl so, dass man einfach nach echten Perlen graben muss.

      Liebe Grüße,
      Klaudi ❤

      Gefällt 2 Personen

      1. Hi Klaudi,
        mir war gar nicht klar, wie viel Glück ich hatte^^
        Ja da hast du sicher Recht, wie bei allem, was gehypt wird muss man wohl einfach die Augen offen halten oder vermehrt andere Rezensionen durchstöbern 😉

        Alles Liebe ❤

        Gefällt 1 Person

  3. Wie schön, dass der Beitrag da ist & ich stimme vollkommen zu! Sexualität sollte einfach wie eine weitere Eigenschaft des Charakters behandelt werden – nicht als ganze Identität, sondern als Teil davon.

    Abgesehen davon hängt es mir auch zum Hals raus, wenn das Coming out als Plotelement unnötig aufgeblasen wird. Das sehe ich in diversen amerikanischen Romanen ständig. Gut, es mag in den USA noch viele konservative Gegenden und Menschen geben, die tatsächlich aggressiv auf Homosexualität reagieren. Aber wenn das in nahezu jeder Geschichte thematisiert wird, frage ich mich doch, ob das der Realität entspricht …

    Übrigens habe ich vor kurzem von einer Online-Bekannten eine wunderbare Empfehlung bekommen, auf die ich schon ganz gespannt bin: Of Fire and Stars von Audrey Coulthurst. Sie meinte, da wird das Thema sehr realistisch & positiv dargestellt, vielleicht ist das ja auch was für dich?

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Vanessa!
      Ja, endlich habe ich es geschafft. Ich bin auch happy, dass der Beitrag endlich landen konnte 🙂

      Das Thema Coming Out ist natürlich wichtig, das will ich auch gar nicht abstreiten. Ich hab ja selbst total Herzrasen gehabt, als ich meiner Familie von meiner Freundin erzählt habe. Aber ich denke da ebenso wie du – muss das denn in jedem Buch sein? Und in so vielen wirklich DER Aufhänger? Manchmal scheint es mir, als hätten LGBT+ Charaktere gar nichts anderes zu tun, als in der Welt herauszuposaunen, was sie lieben, und sich genau darüber Sorgen zu machen. Dabei gibt es noch so viele andere Themen, die man näher behandeln kann, genug Konfliktpotenzial ist ja da.

      Of Fire and Stars habe ich schon auf der Wunschliste 😀 Aber danke für den Tipp, ich bin auch schon ganz neugierig drauf! Heute wurde ich außerdem auf „Ash“ von Malinda Lo hingewiesen und habe mich direkt in den Klappentext verliebt. Die Autorin scheint gern lesbische Pärchen zu schreiben, zumindest habe ich bei ihr mehrere dieser in verschiedenen Büchern gefunden. Die werde ich mir wohl nach dem Urlaub mal zu Gemüte führen, gerade weil sie mit dem hohen Fantasy-Anteil echt was Anderes zu sein scheinen und die Sexualität da tatsächlich wie ein weiterer Charakterzug und nicht wie die gesamte Persönlichkeit behandelt werden könnte 🙂

      Danke für deine Meinung!
      Liebe Grüße,
      Klaudi ❤

      Gefällt mir

      1. Ja, das ist ein Teil … gemeint habe ich mit dem Coming out eigentlich die Reaktion der Umwelt. In so vielen Romanen (die ich dann zum Übersetzen bekomme) wird die amerikanische Kleinstadt- bzw. Landbevölkerung als so homophob dargestellt, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass dieses Bild der Wahrheit entspricht. Jemand hat mir zwar mal gesagt, dass das nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, aber … naja. Ich weiß nicht recht? 😀 Vor allem, weil das Bewusstsein und die Toleranz doch zu steigen scheinen, was man ja allein an der gleichgeschlechtlichen Ehe in vielen Ländern sieht.

        Ja, in Kombination mit Fantasy hab ich das fast lieber, Six of Crows scheint ja auch in die Richtung zu gehen (noch so ein Punkt auf meiner Liste). Sind bestimmt alles gute Bücher!

        Gefällt mir

  4. Hi!
    Ja, den Trend habe ich auch bemerkt und bin bereits auf einige richtig doofe und oberflächliche Bücher reingefallen :/ Ich möchter mehr casual LGBTQA+ Charaktere. Ich versuch das mal besser in Worte zu fassen. Charaktere, die, wie du gesagt hast, die Welt retten, zur Schule gehen, in eine fremde Welt eintauchen und halt lesbisch oder bi oder asexuell sind. Wo nicht darum gebangt wird, was andere denken, sondern vielleicht mal eine Welt kreieren, in der es völlig egal ist, welche sexuelle Orientierung und Gender man hat.
    Auch der ‚Quoten-Schwule‘ ist leider viel zu oft vorhanden. Diese Charaktere könnte man mit einer Stehlampe austauschen und der Plot wäre derselbe. Mehr Tiefe, mehr Facetten, da gebe ich dir völlig recht! 🙂
    Toller Beitrag!
    Liebe Grüße,
    Klaudia (Namenskolleginnen!! :D)

    Gefällt mir

    1. Hallo Klaudia! (Yay, es kommt nicht häufig vor, dass ich noch eine Klaudia mit K „treffe“! Hast du zufällig auch ungarische Wurzeln? 😀 )

      Oh ja, da kann ich dir nur zustimmen! Gerade in manchen Fantasy-Büchern kommt es mir auch so vor, dass Charaktere abseits vom Heterosexuellen eher als Plot Device benutzt werden. Dabei wäre es doch gerade in neu erschaffenen Welten so leicht, das einfach als völlig normale Tatsache hinzustellen und eben keine Vorurteile anderer einzubauen, die erst überquert werden müssen.

      Liebe Grüße,
      Klaudi ❤

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s