Bücher · Rezension

Ein alter Mythos in neuem Licht, eine Frau, vom Schicksal geplagt…

Christa Wolf: Medea. Stimmen

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Inhalt

Die junge Königstochter Medea zieht aus ihrer Heimat Kolchis, das zunehmend patriarchalischer wird, mit ihrem Ehemann Jason in das weit entfernte Korinth. Von diesem Ort versprechen sie sich Sicherheit und ein glückliches Leben mit ihren zwei Söhnen. Doch der König von Korinth steht aufgeklärten Frauen wie Medea kritisch gegenüber und sie fühlt sich zunehmend ausgestoßen. Auch die Kolcher, die ihr gefolgt sind, werden von der Gesellschaft als Barbaren abgestempelt und in Baracken am Rand der Stadt verdrängt. In Korinths streben alle nach Reichtum, der gleichzeitig Macht und eine hohe gesellschaftliche Stellung verspricht, und auch Jason verliert sich zunehmend in diesem Streben nach einer hohen Stellung am Hof. Medea wird unterdessen zunehmend geächtet, und als Hexe abgestempelt, die Unheil über die Stadt bringt, obwohl sie der Gesellschaft nur helfen will. Als sie sich auch noch in ein Geheimnis einmischt, das mit dem mysteriösen Verschwinden der Königstochter Iphinoe zusammenhängt, steht für den König und seine Verbündeten fest: Sie muss weg. Jason soll unterdessen mit der verbliebenen, kränkelnden Tochter des Königs, Glauke, verheiratet werden – und durch sein Streben nach Macht gibt er seine Hilfe für Medea auf. Auf sich allein gestellt muss diese ihre eigenen Verbündeten finden, die sie vor dem Zorn der Gesellschaft und der Mächtigen schützen, doch ihr Schicksal scheint schon lange unwiderruflich besiegelt…

Meine Bewertung

Für einige Schüler ist Christa Wolfs Aufarbeitung des alten Medea-Mythos Pflichtlektüre. Das war sie auch für mich, aber meiner Meinung nach zählt der Roman dabei zu den besseren Büchern, die man den Schülern aufzwingt. Da ich mich ohnehin gern mit griechischer Mythologie beschäftige, kannte ich Medea schon vorher, doch Wolfs Buch gibt der Geschichte nochmal einen ganz neuen Pfiff, eine frische Prise der Emanzipation, in Gesellschaften, die streng patriarchalisch geprägt sind.

Die „Stimmen“, auf die der Titel schon hinweist, gehören einzelnen Charakteren, aus deren Sicht man die Geschichte erzählt bekommt. Im Mittelpunkt steht die Titelheldin Medea, die als eine emanzipierte, selbstbewusste Frau dargestellt wird, die sich nicht so ganz an die neue Umgebung anpassen kann und will, ganz im Gegensatz zu ihrem Ehemann Jason, was das Paar tief zerrüttet und Medea schließlich ins Unglück stürzt. Dabei sind viele Neider beteiligt, die ihr das Leben schwer machen und sie nicht akzeptieren, wie etwa ihre alte Schülerin Agameda, die sich mit dem hohen Astrologen Akamas verbündet.

Interessant an dem Buch ist die bildhafte Sprache, die Christa Wolf benutzt. Sie versteht es, Gefühle zu wecken, den zwei Städten und ihren unterschiedlichen Charakteren Leben einzuhauchen und dabei ihre verschiedenen Naturelle zum Vorschein zu bringen. Der Kontrast zwischen den angeblich so zivilisierten Korinthern und den als barbarisch abgestempelten Kolchern verschwimmt zunehmend, während Medea immer weiter zur Geächteten wird. Auch der Prozess der Patriarchalisierung, der in Korinth bereits abgeschlossen, in Kolchis gerade im Gange ist, ist sehr interessant zu beobachten und gibt gerade für Schüler viel Anlass dazu, zu spekulieren und zu interpretieren.

Obwohl der Roman äußerst tragisch ist und kein Happy End vorweisen kann (ebensowenig, wie der Mythos), lohnt es sich sehr, dieses Werk zu lesen. Man kann mit den Charakteren mitfühlen und zusehen, wie schnell durch Fremdenhass Leben zerstört werden, was insbesondere in der heutigen Zeit durch die aktuelle Flüchtlingsproblematik eine realistische Komponente enthält. Aktuell ist dieses Buch daher auf jeden Fall, auch wenn die Geschichte vor sehr langer Zeit spielt. Einige Stellen sind zwar zäh zu lesen, doch dafür machen es vor Allem die großen Geheimnisse um Iphinoe und Medeas Bruder Absyrtos wieder wett, die schmerzhafte Parallelen aufweisen und dadurch die Tragik der Geschichte nochmal unterstreichen. Alles in allem würde ich das Buch vor Allem denen empfehlen, die schon mit dem Medea-Mythos vertraut sind, da man anfangs sehr schnell durcheinanderkommt. Für alle Einsteiger in die Mythologie lohnt es sich jedoch auch, wenn man auf Tragik und eine anspruchsvolle Geschichte mit sehr gut ausgearbeiteten, realistischen Charakteren steht, die in ihrer Unvollkommenheit umso zeitloser sind und auch auf heutige Situationen gut zu übertragen sind.

Erwerben könnt ihr das Buch unter anderem hier: (X)

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