Juli Zeh: Corpus Delicti

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Inhalt

In einer Gesellschaft, als deren höchstes Gut die Gesundheit der Bewohner gilt, versinkt die Biologin Mia Holl in Depressionen. Seit ihr Bruder Moritz Selbstmord begangen hat, um einer langen Zeit in Kryostase, einer Form der Bestrafung von Verbrechen zu entgehen, kann sie ihre Pflichten nicht mehr wahrnehmen, weil sie ihm hinterhertrauert. Durch die ständige Überwachung des Staates fällt ihr Verhalten aber auf, und führt dazu, dass sie sich vor Gericht verantworten muss. Dabei kommt ihre Beziehung zu ihrem Bruder ins Spiel, wird genau unter die Lupe genommen: Der lebensfrohe, rebellische Moritz soll angeblich einer Widerstandszelle, den „Schnecken“, angehört haben. Obwohl Mia ihn bewundert, ist sie doch zwiegespalten und versinkt damit in der Rolle der „Zaunreiterin“. Früher war sie diejenige, die immer die Regeln befolgt hat, um nicht aufzufallen, die ihre Gesundheit in den Fokus gestellt hat, nun fühlt sie sich in der Pflicht, Moritz‘ Unschuld zu beweisen. Kann er denn wirklich eine junge Frau umgebracht haben? Seine DNA wurde am Tatort gefunden, und die Wissenschaft lügt nicht – aber gibt es wirklich keine Fehler im System? Im Kampf mit sich selbst versucht Mia verzweifelt, die Wahrheit zu finden, und löst dabei eine Lawine an Ereignissen aus, die sie für immer verändert – und viel zu schnell überrollt…

Meine Bewertung

Wo fange ich an? „Corpus Delicti“ gehört zu meinen liebsten Büchern, meinen absoluten Favoriten. Wenn ich nur ein Buch besitzen dürfte, würde „Corpus Delicti“ definitiv  in der engeren Auswahl dazu sein. Konkurrenz macht diesem Meisterwerk nicht viel. Juli Zeh hat einfach einen ganz eigenen Stil, der mich bei jedem Lesen wieder in den Bann zieht.

Mia Holl ist der fiktive Charakter, mit dem ich mich am meisten identifiziere. Noch nie habe ich über jemanden gelesen, der mir so nahe zu stehen schien, ich konnte jede ihrer Handlungen nachvollziehen, vollkommen verstehen, warum sie die Kontrolle verliert und in dem ganzen Strang der Ereignisse mitgerissen wird.  Aber fangen wir am Beginn an: Mia ist ein Kind der Rationalität, der Wissenschaft, und damit charakterlich das Gegenteil ihres Bruders Moritz. Sein Freigeist macht ihr oft zu schaffen, was uns Lesern in eingeschobenen Flashbacks präsentiert wird. Mia genießt die Stunden mit ihrem Bruder, der in seiner Kindheit eine schwere Krankheit hatte und beinahe gestorben wäre, und seitdem seine Freiheit über alles stellt. Das System, in dem sie leben, kann er deshalb nicht gutheißen. Er fühlt sich eingeengt, überwacht, und bricht daher regelmäßig die Gesetze, worin er auch Mia verstrickt. Als er eines Tages festgenommen und des Mordes bezichtigt wird, ist es ihm lieber, Selbstmord zu begehen, als vom Staat eingefroren zu werden. Ausgerechnet Mia, die ihn über alles liebt, weil er ihr einziger Vertrauter ist, gibt ihm dabei das Werkzeug in die Hand. Doch nach seinem Tod versinkt sie in Depressionen, die Juli Zeh so gut beschreibt, dass es bei mir jedes Mal eine Gänsehaut auslöst.

Mias innerer Konflikt, ob sie an Moritz Unschuld und einen Fehler im System, oder an die Möglichkeit, dass ihr Bruder ein Mörder ist, glauben soll, lässt ihr keine Ruhe, und tritt durch eine weitere tragende Rolle besonders stark auf: Die ideale Geliebte. Ihren Namen erfährt man nie – sie ein Erbstück, eine Freundin, die Mia von Moritz bekommen hat, und existiert nur in Mias Vorstellung, wo sie ihr mit sarkastischen Kommentaren zu helfen versucht, an Moritz‘ Unschuld zu glauben. Weitere Nebencharaktere, wie Mias Anwalt Rosentreter, oder der Reporter Kramer, der gegen sie arbeitet und trotzdem immer versucht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sind wahnsinnig gut gezeichnet, haben ihre eigene Persönlichkeit und interagieren mit Mia auf einem Niveau, das den Leser erschaudern lässt. Mias Unglück, ihr Kampf um Gerechtigkeit und die Wahrheit, reißt ihr gesamtes Umfeld mit sich – die Richterin Sophie, ihre Mitbewohner im Haus, ihren Anwalt, und die gesamte Gesellschaft, die davon durch die Medien erfährt.

Der Spannungsaufbau des Buchs ist beeindruckend, vor Allem, weil Juli Zeh ihre Welt so meisterhaft aufbaut. Alles ist genau durchdacht, das System, das „Methode“ genannt wird, agiert immer mehr mit gefährlichen und menschenrechtsverletzenden Mitteln, und stürzt dabei Mia immer tiefer in ihr Unglück. Der Überwachungsstaat, in dem alle Menschen auf ihre Gesundheit reduziert werden, in dem sie bestimmte Gebiete nicht betreten dürfen, in dem der ideale Partner nach wissenschaftlichen Maßstäben vorgeschlagen und ein Abweichen davon strafbar ist, und in dem auch Folter angewandt wird, wenn die Menschen nicht gehorchen – genau das ist die „Methode“, die teilweise erschreckend an heutige Maßnahmen erinnert, vor Allem in der Überwachung. Auch philosophische Ansätze lassen sich hier finden, etwa in Moritz mit seinem Freiheitsstreben, und dieses Buch eignet sich sehr gut für ethische Diskussionen.

Wer ein fröhliches Buch haben möchte, sollte nicht zu „Corpus Delicti“ greifen. Aber wenn ihr nachdenken möchtet, wirklich herausgefordert werden möchtet und auch nicht vor einigen rechtlichen Stellen zurückschreckt, ist Juli Zehs Meisterwerk definitiv geeignet. Ich werde wohl nie genug von diesem Buch kriegen – und wenn ihr darauf steht, eine Gänsehaut zu kriegen und noch wochenlang darüber nachzudenken, wie ihr in solch einem Staat handeln und leben würdet, ist Mia Holls Fall genau das Richtige für euch.

Das Buch könnt ihr unter anderem hier erwerben: (X)

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Ein Gedanke zu “Die Zaunreiterin kämpft um ihren Bruder…

  1. Hey 🙂
    Ich hab das Buch vor zwei Jahren im Deutschunterricht gelesen und ich muss sagen, es war auf jeden Fall das beste Buch, was ich in meiner Schullaufbahn zu Gesicht bekommen habe. Endlich mal ein moderneres Buch und kein alter Schinken, bei dem man die Sprache gar nicht versteht.

    Gefällt mir

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